Abireisen: Abfeiern oder Abchillen?

Abireise-Anbieter wie Ruf locken Schulabgänger mit Partytrips. Foto: Tobias Sauer

Der Markt für Abireisen scheint seit Jahren stabil. Doch in der letzten Zeit sind ruhigere Ziele im Kommen, während Buchungen für Partyhochburgen wie Lloret de Mar stagnieren. Der Beginn einer Trendwende?

Endlich ist das Abitur bestanden, die lange Schulzeit vorbei. Und nun? Seit Jahrzehnten fahren Abiturienten mit ihren Mitschülern noch einmal gemeinsam in den Urlaub, bevor sie Studium oder Ausbildung beginnen. Worum es bei den Fahrten geht, machen die grell bebilderten Kataloge der Reiseveranstalter deutlich: Tanzen, Trinken, Flirten. „Wenn die Abiturienten 13 Jahre Schulzeit ausklingen lassen möchten, heißt das in neunzig Prozent der Fälle: Party, Party, Party!“, sagt Okay Parlar von Ruf-Jugendreisen. Abiturienten, die bei einem Reiseanbieter buchen, wüssten genau, was sie erwartet, meint er. „Wenn man alleine bucht, kann man dagegen nie sicher sein: Sind am Urlaubsort etwa Rentner?“ Auch die Kataloge zeigen: Man bleibt gerne unter sich. „Hier treffen sich ausschließlich Abiturienten und junge Partyhungrige aus ganz Deutschland“, wirbt Ruf für eine Fahrt nach Lloret de Mar an der spanischen Costa Brava, der klassischen Partyhochburg für Abiturienten.

Und auch am Urlaubsort kümmern sich die Anbieter um das richtige Party-Umfeld. Junge Reiseleiter, die bei Ruf „Buddys“ heißen, begleiten die Abiturienten und organisieren vor Ort das Unterhaltungsprogramm. Auf dem Plan stehen unter anderem Ausflüge, zum Beispiel von Lloret nach Barcelona, Beachvolleyballturniere und Disco-Abende. Für die Gäste handeln sie bei Einlass und Getränken Spezialkonditionen aus.

Doch viele Abiturienten gehen nicht wegen, sondern trotz des umfangreichen Partyprogramms auf Abireise. Rosa Peschken, Bruno Dietel und Arne Markuske, Abiturienten am Händel-Gymnasium in Berlin, wollen nach dem Abitur mit ihren Klassenkameraden nach Kroatien an den Strand fahren – eine klassische Abireise. Den dreien geht es allerdings vor allem darum, ihre Freunde noch einmal zu sehen, das Rahmenprogramm spielt dagegen keine große Rolle. „Eigentlich finde ich solche Touren abschreckend“, sagt Rosa. „Aber man muss zum Glück nicht am ganzen Programm teilnehmen, an irgendwelchen Schaumpartys zum Beispiel.“ Cocktails und Unterhaltungsprogramm seien ihm egal, meint auch Arne. „Mir kommt es eher darauf an, entspannt mit meinen Freunden zusammen zu sein.“ Für Kroatien spricht vor allem der Preis. „Kroatien war das billigste Reiseziel, hier gibt es am meisten fürs Geld“, sagt er.

Auch Anbieter wie Ruf registrieren veränderte Reisewünsche. Während Ruf nach eigenen Angaben in den letzten Jahren einen langsamen aber kontinuierlichen Anstieg der Buchungszahlen für Abireisen verzeichnen konnte, würden Party-Ziele wie Lloret de Mar stagnieren. Ruhigere Urlaubsorte seien stattdessen stärker nachgefragt, sagt Ruf-Pressesprecherin Inga Krusch.

Manche Abiturienten entscheiden sich allerdings auch ganz gegen eine Abireise. Zum Beispiel Judith Lau, Abiturientin am Berliner Rosa-Luxemburg-Gymansium. „Das ist nicht mein Urlaub“, sagt sie. „Das Geld, das die Abireise kostet, möchte ich lieber in etwas stecken, das mir mehr Spaß macht, wo ich selber entscheiden kann, was ich mache.“ Für den August plant sie statt einer Woche Party am Strand deshalb eine lange Reise mit dem Zug durch Osteuropa.

Allgemein ITB 2012

Traumbranche Tourismus: Welcher Weg führt zum Erfolg?

Quelle: ITB Berlin.

„Fragt man Bewerber im Vorstellungsgespräch, warum sie in die Tourismusbranche wollen, sagen viele, dass sie Fremdsprachen beherrschen und gerne reisen“, sagt Katrin Hörner, Leiterin der Abteilung Nachwuchsentwicklung beim Tourismus-Konzern Thomas Cook. Bei Neueinstellungen achte das Unternehmen jedoch stattdessen vor allem auf solide mathematische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Bewerber müssten sich mit wirtschaftlichen Kennzahlen auskennen und diese schnell richtig interpretieren können.

Auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin raten deshalb Praktiker aus der Tourismusbranche Berufseinsteigern zu einer Kombination aus praktischer Berufsausbildung und Studium.

Denn Auszubildende lernen genau kennen, wie Unternehmen funktionieren und welche Aufgaben in der Praxis wichtig sind. „Es ist ein großer Vorteil, wenn man in der Lage ist, auch Buchungen durchzuführen“, sagt Hans-Gustav Koch, Geschäftsführer des Deutschen Reiseverbandes. Einzelne Praktika während eines Touristikstudiums könnten eine Ausbildung nicht ausgleichen. „Auch Abiturienten brauchen dafür 24 Monate, das kann kein Betrieb in wenigen Wochen leisten“, meint Katrin Hörner. Besser seien zudem einzelne längere Praktika statt vieler kurzer.

Dass eine Berufserfahrung praktische Kenntnisse vermittelt, die vielen Studenten fehlen, kann Johanna Breit bestätigen. Die 23-jährige ist Auszubildende bei FTI in München. Kürzlich musste sie eine Praktikantin einarbeiten, die seit vier Semestern studiert. „Die fängt quasi bei null an“, sagt Breit – und erklärt ihr jetzt unter anderem, dass die Abkürzung „HP“ in Preisvergleichen für „Halbpension“ steht.

Doch andererseits lernen Studenten an Universität oder Fachhochschule Abstraktionsfähigkeit und das Denken in Konzepten. „Wir brauchen auch Absolventen, die über den Tellerrand hinaus blicken, die innovativ sind und Ideen mitbringen“, sagt Katrin Hörner.

Auch Johanna Breit möchte nach ihrer Ausbildung noch studieren. Wie viele andere Berufseinsteiger hat sie allerdings Angst, dann deshalb keine Stelle mehr zu finden, weil sie nach ihrem Studium mit 28 Jahren zu alt sein könnte. Diese Befürchtung sei jedoch unbegründet, meinen viele Praktiker auf der ITB. „Nehmen Sie so viel Ausbildung mit, wie sie bekommen können“, rät Hans-Gustav Koch den Zuhörern. Und Thomas-Cook-Personalerin Hörner erklärt, ihr Unternehmen würde bei der Bewerberauswahl nicht aufs Alter schauen, sondern auf die Qualifikation.

Unerreichbar ist er glücklicherweise nicht, der Traumjob in der Tourismusbranche. Aber auf einen langen Weg dorthin müssen sich Interessierte einstellen.

Allgemein ITB 2012 Topstories