Eine Reise Von Istanbul nach Hakkâri

Das Vaterland ist das Land, das man liebt. In das Geburtsland werde man nur von irgendeinem unglücklichen Wind verschlagen, meinte Gustave Flaubert. Für Orhan Pamuk, einen seiner zeitgenössischen Bewunderer, fällt beides zusammen: Istanbul, die einzige Stadt auf zwei Kontinenten, ist sein Geburtsort, und seine große Liebe. Und das, obwohl die Türkei es ihm nicht immer leicht gemacht hat, war er doch wegen Herabsetzung der türkischen Nation nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches angeklagt. „I have described Istanbul when describing myself and described myself when describing Istanbul“, erklärt Pamuk das Motto seines autobiografischen Textes Istanbul ‑ Erinnerung an eine Stadt. „Als ich in die Welt kam, war Istanbul so heruntergekommen, geschwächt und isoliert wie nie zuvor in seiner zweitausendjährigen Geschichte“, schreibt Pamuk. „So arm und verwirrt, dass es nie wieder davon träumen kann zu alter Größe in Reichtum, Macht und Kultur aufzusteigen.“

Doch viel hat sich seitdem geändert: alle Augen sind auf die Kultur der heimlichen Hauptstadt der Türkei gerichtet, nicht nur als eine der drei Kulturhauptstädte Europas, sondern auch auf der ITB Berlin. Dort wird auch die Literatur nicht vergessen: Die Türkische Bibliothek, eine vom Unionsverlag herausgegebene 20-bändige Reihe, ist eine literarische Reise durch die moderne Türkei. Sie wurde mit dem ITB BuchAward 2010 als beste literarische Reihe ausgezeichnet.

Es geht dabei um mehr: Dr. Bettina Berns, Programmleiterin der Robert-Bosch-Stiftung, die das Projekt initiierte, erklärt, dass Die Türkische Bibliothek auch zur Völkerverständigung beitragen soll. So ist die Türkei auch im Kontext der Hochkultur, abseits der bekannten touristischen Eindrücke, präsent. Die bisher 17 erschienen Bände enthalten, neben vier Anthologien, wichtige Romane der modernen türkischen Literatur, die mit dem Fall des osmanischen Reichs beginnt – darunter auch einen Krimi-Bestseller und einen viel diskutierten politischen Roman aus dem Jahr 2002.

Es gibt also auch literarisch einiges zu entdecken, das ansonsten im Schatten des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk unterzugehen droht. Die Reihe enthält berühmte türkische Autoren des 20. Jahrhunderts in neuer Übersetzung und mit Anhang versehen – Orhan Pamuk fehlt jedoch, da er auch auf Deutsch schon sehr bekannt ist, fast bekannter als in der Türkei selbst.

Einer der 17 schon erschienenen Bände ist die Sammlung von Erzählungen Von Istanbul nach Hakkâr. Die Erzählungen sind nach ihren Handlungsorten geordnet und bilden damit eine literarische Reise durch die Türkei. Eine Ergänzung zu den vielen Pauschal-Reiseangeboten auf der ITB Berlin.

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Urlaub zwischen zwei Buchdeckeln

Abschalten in Bettenburgen, relaxen neben dem Kinderplanschbecken: Wer wirkliche Erholung und Einsamkeit sucht, kann im Atlas der abgelegenen Inseln fündig werden. Auf dem ITB BuchAward 2010 wurden in den Kategorien das Besondere und das literarische Reisebuch Reisebücher abseits von standardisierten Reiseführen geehrt. Tipps für 100 unvergessliche Abenteuer, oder ein Reiselesebuch über die Sahara versprechen müßige Lesestunden abseits der Reisebuchnorm. So schickte der mareverlag gleich zwei Preisträger ins Rennen: Der Atlas der abgelegenen Inseln schrieb und gestaltete die Grafikerin Judith Schalansky. Wobei nicht nur der Atlas besonders ist, sondern auch die Autorin: Sie reist nicht gerne. Sondern verbringt ihre Freizeit lieber über Atlanten. So stellt sie fünfzig abgelegene Inseln vor, auf denen zum Teil nur zehn Einwohner leben. Und auch auf diesen entlegenen Inseln kann man Urlaub machen, vorausgesetzt es kommt einmal ein Schiff vorbei.

In der Kategorie das literarische Reisebuch gewannen Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow, herausgegeben von Roger Willemsem. Ungewöhnlich für den Gewinner dieser relativ neuen Kategorie ist der Umstand, dass dieser Reisebericht vor über vierhundert Jahren geschrieben wurde. Nachdem dem jungen William Lithgow von den Brüdern seiner Liebsten beide Ohren abgeschnitten wurden, entschloss er sich in den Orient zu reisen, da ihm ein Turban als einziger Ausweg erscheint, um seinen Makel zu verdecken.

Der Fokus lag auch hier auf dem Gastland Türkei, dem der Hauptpreis gewidmet war. Scheinbar jeder Reiseführer von, mit und über Istanbul und die Türkei bekam hier einen Preis. Auch das 2010 obligatorische Thema Südafrika wurde in einer eigenen Sparte geehrt. Wobei Laudator Peter Hinze sogleich betonte: „Bei Südafrika wird’s beim Gruppenbild nicht so kuschelig, da gibt’s nicht so viele.“

Die Masse an Reisebüchern, ob nun Bildband oder Sachbuch zeigt: Man kann auch zwischen zwei Buchdeckeln Urlaub machen. Und einfach abschalten.

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