Sind „Futouristen“ die Touristen der Zukunft?

Ist nachhaltiger Tourismus nur eine Modeerscheinung? Nein!, da sind sich Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Dr. Volker Böttcher, Geschäftsführer von TUI Deutschland und Dr. Peter Fankhauser, Geschäftsführer der Thomas Cook AG, einig: Nachhaltigkeit und Tourismus bedingen sich, die nachhaltige Sicherung einer intakten Umwelt ist Grundvoraussetzung für den zukunftsfähigen Tourismus. Burgbacher, Böttcher, Fankhauser waren am CSR Day auf der ITB Berlin 2011 Gäste der Initiative „Futouris“, die sich für die Verbesserung der Lebensverhältnisse, den Erhalt der biologischen Vielfalt und den Umwelt- und Klimaschutz engagiert. Andreas Koch, Vorsitzender von „Futouris“, richtet einen Appell an Touristikunternehmen, Mitglied dieser Initiative zu werden und nachhaltige Projekte zu fördern. Auch Ernst Burgbacher rief dazu auf, mit „Projekten statt Parolen“ aktiv zu werden.

Schon Mitglied bei „Futouris“ sind die beiden Reiseveranstalter Thomas Cook und TUI Deutschland, die sich mit verschiedensten Projekten auf der Internetseite von „Futouris“ präsentieren. So engagiert sich TUI Deutschland beispielsweise mit einem Projekt für den Schutz der Heimat von Walen auf Teneriffa und unterstütz den Aufbau von Lebens-, Bildungs- und Kulturstätten der vom Erdbeben betroffenen Menschen auf Haiti. Thomas Cook setzt sich für die Erhaltung des Waldbestands im Alexander-von-Humboldt-Nationalpark im Osten Kubas ein und engagiert sich für den Schutz der Mittelmeermönchsrobben auf Madeira.

Aber wie sehen das die Touristen selbst? Sind sie bei ihrer Reiseplanung genauso vorausschauend wie die Reiseveranstalter? Laut Dr. Peter Fankhauser ist das Bewusstsein für nachhaltige Reisen bei vielen Touristen vorhanden, es hat bei der Reiseplanung bislang jedoch keine Priorität: „Preis und gutes Wetter sind immer noch die ausschlaggebenden Faktoren“. In Zukunft erhoffen sich die „Futouristen“, dass nachhaltige Reiseangebote sich stärker im Markt etablieren. Das Interesse an nachhaltigem Tourismus ist groß, was die zahlreichen Zuhörer belegen. Welche Bedeutung dieser für Touristen in der Zukunft spielen wird, ist jedoch noch offen.

ITB 2011

Bewusster Reisen mit dem Köfferchen im Fair Trade T-Shirt

Foto: Christine Plüss, Geschäftsführerin vom Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung (AKTE). Quelle: Jasmin Siebert

Die geschälte Banane auf dem Plakat entpuppt sich erst auf den zweiten Blick als T-Shirt. „Fragen Sie auch bei T-Shirts nach Fair Trade“ steht darunter. Christine Plüss, Geschäftsführerin vom Arbeitskreis für Tourismus und Entwicklung (AKTE) in Basel hat schon einen Schritt weiter gedacht: „Wir brauchen nicht nur die fair gehandelte Banane mit Fair Trade T-Shirt, sondern auch das Köfferchen mit T-Shirt“, fordert die Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins.

Die Schweiz ist Pionierland im fairen Handel, sechs Prozent der weltweit fair gehandelten Produkte wurden im Jahr 2008 in der Schweiz verkauft. Während die Deutschen in diesem Jahr nur 1,60 Euro pro Kopf für fair gehandelte Produkte ausgaben, waren es in der Schweiz 21,90 Euro. Lebensmittel, die bio und fair sind, gibt es dort in jedem Supermarkt.

Doch faire Bedingungen sollten nicht nur bei Lebensmitteln und Kleidern, sondern auch für die Urlaubsreise gelten. Das Internetportal www.fairunterwegs.org von AKTE will Reisende für das richtige Verhalten unterwegs sensibilisieren. Das größte unabhängige Reiseportal im deutschsprachigen Raum beantwortet Fragen, die auf anderen Reiseportalen fehlen: Wie groß ist der ökologische Fußbabdruck des Landes? Wie steht es mit den Menschenrechten im Urlaubsland? Wer sind eigentlich diese Menschen, die am Strand Mangos verkaufen?

Doch nicht nur der andere, tiefere Blick aufs Reisen unterscheidet www.fairunterwegs.org von anderen Internetseiten. „Bei uns gibt es keine Werbung und Buchungen sind nicht möglich“, erklärt Plüss. Stattdessen gibt es Tipps dazu, was einen seriösen Reiseveranstalter ausmacht. Der bewusste Reisende soll sich selbst fragen: Werden faire Arbeitsbedingungen eingehalten? Strapaziert mein Urlaub die Umwelt übermäßig? Wie viel Prozent des Reisepreises kommen sickern bis zur ärmeren Bevölkerung im Zielland durch? Reiseveranstalter, bei denen sich der Urlauber sicher sein kann, dass sie ihre soziale und ökologische Verantwortung wahrnehmen, sind am CSR-Siegel der unabhängigen Gesellschaft für Zertifizierung im Tourismus TourCert erkennbar.

Wo TourCert aufhört, setzt Fair Trade Tourism in South Africa (FTTSA) an. Es ist das einzige weltweit anerkannte Siegel, dass Fairness in Hotels und Restaurants im Urlaubsland garantiert. Seit neun Jahren wird im Land der diesjährigen FIFA FussballWeltmeisterschaft Südafrika 2010 auf Fair Play im Tourismus geachtet. Bisher sind nur in Südafrika touristische Einrichtungen zertifiziert, weitere Länder sollen in den nächsten Jahren hinzukommen. „In jedem Land gibt es andere Probleme. Das Label kann nicht einfach von Südafrika auf Indien übertragen werden“, erklärt Katarina Mancama, Research Managerin von FTTSA.

Während in Südafrika Schwarze diskriminiert werden, sind es in Indien die Kastenlosen. Ihr Traum ist es dennoch, dass es eines Tages für alle Länder und Reiseveranstalter ein internationales Gütesiegel gibt. Dass irgendwann globale Standards durch ein Siegel, dass Reiseveranstalter und die touristischen Einrichtungen im Zielland gleichermaßen umfasst, garantiert werden, ist auch das Ziel von Plüss.

Bis es soweit ist, kann sich der bewusste Reisende unter www.fairunterwegs.org selbst aufklären.

Allgemein ITB 2010

Komplizierter als ein Kühlschrank

Zwei junge Urlauber im Reisebüro: „Wir haben da mal etwas von CO2-Ausgleich bei Flugreisen gehört. Können Sie uns dazu etwas sagen?“ Die Reiseverkehrsfrau schüttelt den Kopf. „Nein, da kann ich nichts zu sagen.“

Dieser Videoeinspieler während der Diskussionsrunde „Is CSR a rip-off?“ erregte die Gemüter am Corporate Social Responsibility Day auf der ITB Berlin. Dass CSR ein „schwieriges Thema in schweren Zeiten“ und noch nicht jedem bekannt sein kann, sind sich die Experten einig. Doch dass eine Mitarbeiterin im Reisebüro noch nichts von CO2-Kompensation gehört hat, schockiert die anwesenden Touristiker dann doch. „Wir sind am Anfang eines Prozesses“, meint Jens Hulvershorn, der Futouris und Gebeco vertritt. „Die Kunden werden immer wacher“, pflichtet ihm Johannes Reißland, Geschäftsführer vom forum anders reisen bei. Die Bedeutung der ökologischen und sozialen Kriterien, die der Dachverband für nachhaltiges Reisen, schon vor 30 Jahren festgelegt hat, kommt langsam auch bei den großen Reiseveranstaltern an. Thomas Bösl, Geschäftsführer von Raiffeisen-Tours, und Harald Zeiss, verantwortlich für Qualitäts- und Umweltmanagement bei der TUI, sind sich der zunehmenden Bedeutung von CSR bewusst. Doch der Informationsfluss zu den Mitarbeitern nach unten ist langsam. Die Sensibilisierung der Mitarbeiter für CSR-Themen braucht Zeit. Schließlich ist das CSR-Siegel komplizierter als ein Siegel für umweltschonende Haushaltsgeräte. Und wenn sich noch nicht einmal die Experten einig sind, was denn unter CSR zu verstehen sei, wie sollen es dann die einfachen Mitarbeiter wissen?

Auch CSR-Experte Michael Hoppkins konnte in seinem Vortrag „CSR – Was ist das?“ nur Ideen davon vermitteln, was CSR bedeutet. Problematisch sind die zahlreichen verschiedenen Gewänder, in die sich die Nachhaltigkeit kleidet: Ecotourism, Sustainable oder Responsible Tourism. Es geht darum, dass mit dem Urlaub weder der Natur noch den Bevölkerung im Reiseland geschadet wird.

Firmen werben oft mit einzelnen Hilfsprojekten, die sie – manchmal auch nur einmalig – unterstützen und die ihr Kerngeschäft nicht unmittelbar berühren. CSR dagegen bedeutet Transparenz und Nachhaltigkeit entlang der eigenen Wertschöpfungskette. Die Maßnahmen fangen im deutschen Reisebüro an, begleiten die Anreise und enden bestenfalls in einer Kooperation im ärmeren Zielland.

Ganzheitliches Denken im Tourismus. Das klingt für viele neu und doch kann nur auf diesem Weg die vielgelobte Nachhaltigkeit erreicht werden. Dass ein Umdenken auf breiter Basis nicht reibungsfrei verlaufen kann, zeigte sich auch in der Expertenrunde Is CSR a rip-off? „Sollten wir dem kleinen Arbeiter verbieten, in seinem hart erarbeiteten Jahresurlaub wegzufliegen?“, provoziert Zeiss von der TUI. „Können wir den Klimawandel stoppen, wenn wir jeden für 20 Euro nach Barcelona fliegen lassen?“, kontert Reißmann vom forum anders reisen und erntet lautstarken Beifall aus den vollbesetzten Zuschauerreihen.

Wie ein Bewusstsein für CSR auch in den Massentourismus transportiert werden kann, blieb die große offene Frage beim CSR-Tag.

Allgemein ITB 2010

Corporate Social Responsibility ist keine Lorbeere

Foto: Jan Wittwer, Geschäftsführer von ACCEPT-Reisen aus Aachen mit der CSR-Zertifizierungsurkunde, die er beim Corporate Social Responsibility Day auf der ITB Berlin erhalten hat. Quelle: Jasmin Siebert

Sie sparen Papier und spenden für Aufforstungsprojekte: 20 Reiseunternehmen des forum anders reisen wurden beim zweiten Corporate Social Responsibility Day auf der ITB Berlin das CSR-Zertifikat verliehen.

Das forum anders reisen ist der Vorreiterverband für nachhaltiges Reisen. Die 150 Mitglieder durchlaufen nun alle nach und nach den CSR-Zertifizierungsprozess. Auch Nichtmitgliedern steht die Zertifizierung durch die vom forum anders reisen unabhängie Gesellschaft für CSR-Zertifizierung im Tourismus TourCert ab sofort offen. Im vergangenen Jahr hat TourCert das CSR-Siegel Berlin erstmals an 15 Reiseveranstalter verliehen.

Was muss ein Reiseveranstalter tun, um dieses Siegel für Corporate Social Responsibility zu erhalten? ACCEPT-Reisen, ein kleiner Reiseveranstalter aus Aachen hat den CSR-Prozess bereits durchlaufen. Geschäftsführer und CSR-Beauftragter Jan Wittwer nahm im September 2009 am ersten CSR-Workshop teil. Danach begann Wittwer als CSR-Beauftragter einen Unternehmensbericht zu erstellen. Bei einem zweiten Workshop im Januar 2010 wurde ein Maßnahmenkatalog erstellt und Strategien zur Verbesserung überlegt.

Wer ein CSR-Siegel erhält, begibt sich in einem permanenten Prozess der Überprüfung und Verbesserung. „Man kann sich nicht darauf ausruhen“, sagt Wittwer. Alle zwei Jahre muss die Zertifizierung erneuert werden. Was bringt das einem Unternehmen? „Der Prozess der Nachhaltigkeit wird sichtbarer gemacht. Wir haben ein Controlling eingeführt.“ Die Kontrolle betrifft alle Unternehmensbereiche, beispielsweise auch wie viel Papier, Wasser und Strom im Büro verbraucht wird.

Doch was verbirgt sich hinter der englischen Abkürzung CSR? Verantwortung, Transparenz und Glaubwürdigkeit. Mit diesen drei Schlagworten umschreibt das forum anders reisen ihr Konzept vom fairen Reisetraum.

Verantwortung wird auch bei ACCEPT übernommen. Wittwer hat beispielsweise eine Partneragentur in Kenia mitaufgebaut. „Das ist sehr familiär bei uns“, meint er. ACCEPT kennt seine Partner in Kenia und in den anderen erst kürzlich hinzugekommenen Reiseländern gut. Den Geschäften gehen oft langjährige private Kontakte voraus.

Transparenz wird vor allem durch den Nachhaltigkeitsbericht gewährt, den die Unternehmen alle zwei Jahre herausgeben müssen. „Darin stehen Daten, die andere Unternehmen nicht veröffentlichen würden“, sagt Wittwer. Das ist beispielsweise der Anteil des Reisepreises, der ins Reiseland fließt. Bei ACCEPT waren das 2008 73 Prozent vom Umsatz.

Glaubwürdig werden die ökologischen und sozialen Kriterien schließlich durch das CSR-Siegel. Und das erhält nur, wer sich einer externen Prüfung unterzieht. Große Firmen hätten manchmal ihre eigenen CSR-Projekte, so Wittwer. Wenn sich dagegen ein kleineres Reiseunternehmen wie ACCEPT freiwilig auf von außen festgelegte Kriterien prüfen lässt, dann wird die gesellschaftliche Verantwortung wirklich ernst genommen.

Allgemein ITB 2010